Kritik

Anwalt und Rächer der Entrechteten

Darf eine afghanische Touristin in einem Hotelfoyer unter ihrer Burka rauchen? Der österreichische Gesetzgeber sagt: Ja. Aber wenn die Burka ein gewisses Volumen erreicht, muss sie einen Nichtraucherbereich durch eine weitere Stoffbahn abtrennen.Er ist spitzfindig, fies und amüsant: Ludwig Müller wird in seinem mit Schüttelreimen gespickten neuen Kabarett-Programm „Der Paragrafenreiter“ im Kabarett Niedermair zum bitzeligen Spezialisten für das Kleingedruckte mit Talent zum Neurotiker.

Der gelernte Jurist weiß genau, wovon er spricht, und plädiert dafür, „ein Grundrecht auf Grant“ in der Menschenrechtskonvention zu verankern. Der grimmige Rechtsstreiter und Paragrafen-kundige Besserwisser erklärt mit Witz und G’spür für Skurrilitäten, was viele nicht wissen: Dass im Lokal nicht zu zahlen keine strafbare Handlung sein muss. Dass eine Ohrfeige keine Körperverletzung ist, Haareschneiden dagegen schon. Dass der vom Gesetzgeber verordnete Hundeführschein für „Piranhas auf vier Beinen“ eigentlich für den Hugo ist. Das ist Rechtspflege der etwas anderen Art – obendrein wortgewandt und hintersinnig, listig und entwaffnend komisch.

Werner Rosenberger, KURIER, 24.9.2010



Der Rechtsanwalt als Verlierertyp mit sprödem Charme

Da steht er also auf der Bühne, der Herr Anwalt namens Dr. Ferdinand Just, und judiziert herzhaft die alltäglichsten und abstrusesten Erlebnisse aus, die ihm so widerfahren. Die Kunstfigur, als die der Tiroler Ludwig Müller in seinem neuen Kabarettprogramm auftritt, ist ein "Paragrafenreiter" (so auch der Titel), wie er im Buche steht. Zu jeder noch so verzwickten Lebenslage findet der Jurist einen passenden Präzedenzfall – und wenn er etwas schlagfertiger wäre, würde ihm das sogar helfen.So aber steht er hilflos daneben, während sein Auto abgeschleppt wird, lässt sich von den Kollegen ausnutzen und stellt auch sonst den Prototyp des intellektuellen Verlierers dar. Man könnte richtig Mitleid mit dem armen Herrn Dr. Just haben, der mit seiner steifen Art und seinem staubtrockenen Humor einen spröden Charme versprüht, den man einfach mögen muss.

Ludwig Müller, selbst studierter Jurist, schafft den Spagat, komplexe Sachverhalte aus der aktuellen Rechtsprechung so zu erläutern, dass auch die Laien im Publikum verstehen, dass zwar nunmehr ein Rauchverbot für Nichtraucher herrscht, aber man theoretisch unter einer Burka sehr wohl pofeln dürfte. Zwischendurch streut Müller ein paar ausgesuchte, nicht jugendfreie Schüttel- und andere Reime ein und feuert höchst feinsinnige Pointen ab, die einmal mehr beweisen, dass man sich vom Äußeren nicht täuschen lassen darf. Denn der Anwalt auf der Bühne ist innen mindestens so pfiffig, wie er außen farblos wirkt.

Mathias Ziegler, Wiener Zeitung, 24.9. 2010

 

Münchner Nächte

Besserwisser und alle, die es werden wollen, aufgepasst! Ordentlich zugeknöpftes Hemd, gebügelter Kragen, darüber ein schwarz-weißer Pullunder und ein akkurat gezogener Scheitel - das ist Dr. Ferdinand Just, Jurist und Paragrafenreiter. Wer gerne seine Freunde korrigiert oder mit unnützem Wissen vor Bekannten brilliert, der kann einiges Lernen von dem scheinbar langweiligen Paragrafenspießer. Oder wussten Sie, dass im Wirtshaus nicht zu bezahlen, keine strafbare Handlung ist? Und eine Ohrfeige nicht den Tatbestand der Körperverletzung erfüllt, Haare schneiden hingegen unter Umständen schon? Der Jurist Ludwig Müller hat sich für sein neues Programm durch Kleingedrucktes gegraben: Hausverordnungen, Mobilfunkverträge und Gesetzbücher. Mit diesem geballten Wissen stürzt er sich in den Alltag seines Bühnenegos Ferdinand Just, bereit mit seinen Entdeckungen als Rächer der Entrechteten, Entscheidungen zu fällen. Müller, geboren in Innsbruck, ist eine kabarettistische Größe zwischen Wien und München. Unausgeschlafen und unterbezahlt bahnt er sich nun mit der eisernen Faust des Rechts den Weg durch den Gesetzesdschungel. Der Paragrafenreiter ist überzeugend gespielt und bis auf einige Längen äußerst unterhaltsam.

Florian P. Meyer, Die Welt, Okt 2010