Nonchalante Eleganz
Der Vorhang geht unter Applaus auf. Das Palast Orchester spielt eine süßliche Melodie. Am Flügel lehnt nonchalant und regungslos im elegante altmodischen schwarzen Frack der deutsche Sänger Max Raabe. Er tritt ans Mikrofon in der Mitte der Bühne und singt“ Heute Nacht oder nie“. Ein Bariton, der mit bewusst schlanker Stimme antiquiert weich phrasierend für höhere Töne immer wieder das Falsett einsetzt. Die Töne intonationssicher hintupft. Selten mit Vibrato. Seine leichte nasale, mikrofonverstärkte und ein wenig hallgestützte Stimme trägt, kommt obwohl kaum dynamisch, gegen den starken Sound des zwölfköpfigen Orchesters locker an.
Distanziert förmlich
Die Assoziationen Kohlestaub-Mikrofon Grammophon-Trichter drängen sich auf. Vom ersten Augenblick an wirkt Raabe wie eine Kunstfigur mit einer Kunststimme. Inszeniert. Hier steht eine singuläre Erscheinung in der Musikszene der Gegenwart. Jemand der den Schlager-Sound der 20er- und 30er- Jahre nun seit 24 Jahren mit witziger Ernsthaftigkeit in unsere moderne Zeit transportiert. Distanziert förmlich auf Haltung bedacht, in seiner Körpersprache und Mimik reduziert. Das Gesicht erscheint maskenhaft. Sein Blick unbeteiligt.
Staubtrockene Pointen
Das zieht er zwei Sets lang durch. Im Song „Wenn die Elisabeth nicht so schöne Beine hätt“ hebt er kurz eine Augenbraue. Das kommt einem Gefühlsausbruch gleich. Selbst wenn er Englisch singt („Smoke gets in your eyes“, „What a difference a day makes“), ist er sehr deutsch. In seinen Moderationen setzt er mit rollendem „R“ staubtrockene Pointen, die das Publikum mit Gelächter quittiert. Seine kultivierte Sprechstimme klingt dabei tiefer, voller als seine Gesangstimme. Raabe ist sich seiner Wirkung bewusst. Immer wieder, bei Soli oder reinen Orchesterparts, geht er vom Mikrofon weg, lehnt sich lässig an den Flügel, und dann wieder ans Mikrofon heranzutreten. Die Nummern sind kurz. Das Tempo zumeist medium. Die Arrangements sind schmissig, einfallsreich, spannend. Die humorvoll dargebrachte Glöckchen-Einlage in „Dort tanzt Lulu“ reißt das Publikum zu frenetischem Applaus hin. Die brillanten Musiker und die attraktive Violinistin versprühen Charme. Es sind Multi-Instrumentalisten, die auch singen können: Ein Männergesangsquartett unterstützt Raabe mehrstimmig beim Lied“ Ich bin von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt“. Das weckt Erinnerungen an die berühmten Comedian Harmonists. Immer wieder Applaus.
„Das tut mir leid“
Das enthusiastische Publikum fordert drei Zugaben. Darunter auch „Mein kleiner grüner Kaktus“. Eine Frau verlangt vorlaut: „ Kein Schwein ruft mich an!“, Raabe antwortet trocken: „ Das tut mir leid.“ Gelächter. Dieser Hit Raabes wird nicht gespielt. Stattdessen, als Hinausschmeisser, die Nummer „schlafen geht das kleine Saxofon“. Der Text ist sinnigerweise ein Art Abzählreim, der davon handelt, dass auch die Klarinetten und Posaunen still werden; und so verlassen immer mehr Musiker die Bühne, bis die Trompete nach einem langen Schlusston verstummt. Begeisterter Applaus.
Max Raabe und das Palast Orchester gastierten am Mittwochabend im sehr gut besuchten Bregenzer Festspielhaus.
Peter Bader, Neue Vorarlberger Tageszeitung (10.12.2010)