Leben unter Druck
In seinem Solo "Herz.Kasperl" erweist sich Oliver Vollmann als genuiner Arrangeur neurotischer Lebenslagen
Es kann einem passieren, dass man laut auflacht, auch wenn das nicht zum Eigenimage passt.
Und dass man sich dafür nicht genieren muss. Oder einem das Lachen auch ein bisschen mittendrin vergeht - weil das, was man sieht und hört, man sehr wohl selbst sein könnte.
Willkommen beim Herz. Kasperl, der mehr als ein Kabarettabend ist.
Der Kasperl (Sie, ich oder eben Oliver Vollmann) tritt eine vollabendliche Bilanzreise durch die Neurosen-Zwangsanstalten unserer Gesellschaft an: Aufwachen im himmelblauen Gitterbett. Schule. Pubertät. Beziehungen. Beruf und Karriere. Nichts lässt Oliver Vollmann aus - doch dann, wenn die Neurosen sich immer schneller drehen, erlöst er uns mit einem Lied.
Oliver Vollmann vermag unnachahmlich den Druck zu vermitteln, unter dem wir ständig stehen: Erwartungsdruck, Erziehungsdruck, Karrieredruck. Nur sind wir als Druckkochtopf eben nicht gedacht - es fehlt das Ventil. Doch die "Zwangsanstalten" sorgen dafür, dass es so bleiben muss ... Bis, ja, bis zum Herzkasperl?
Oliver Vollmann erzählt und singt vom Leben, singt vom Hassen und vom Lieben. Er erzählt und singt von der Liebe zum Klavier - denn Klaviere sind für ihn Lebewesen. Das alles tut Vollmann mit dem reichen Instrumentarium, das er bei seiner langjährigen Mitarbeit beim Guglhupf gesammelt hat. Und vergisst dabei nicht auf seine Rolle als "Brandmelder", als Gerhard Bronners Studio Feuer gefangen hatte.
Er begibt sich aber auch als Ausländer nach Polen. Was immer er tut: Dieser Kasperl tut's mit Herz. Mit einem brennenden, mit Hingabe an die Anliegen und die Musik. Mit großer Bandbreite, zwischen Aggressivität, Aufbegehren, Angst und Zärtlichkeit. Als Kasperl, Schauspieler, Autor, Musiker (er arbeitet an freien Bühnen, für den ORF-Hörfunk und lebt in Klagenfurt).
Er wollte nie mehr Kabarett machen - macht er auch nicht. Es ist ein Herz-Monolog - einer von der Sorte, die man nicht versäumen sollte.
Kurier:
Was in uns wütet und "außegeht aus der Seele"
Eine Entdeckung: Oliver Vollmann mit dem Solo "Kasperl.Herz" im 3raum-theater
Das Leben - ein Druckkochtopf. Nur: Wo ist das Überdruckventil bei Anpassungs-, Erwartungs- und Karrieredruck? Oliver Vollmann konzentriert sich in "Kasperl.Herz" auf das, was in uns wütet, "was außegeht aus der Seele". Schließlich steckt in jedem ein Kasperl, mehr oder weniger verbogen zum Zwangsjackenträger. So wird der Kasperl in grotesk-komischen Geschichten und Liedern durch die Neurosenzuchtanstalten geschickt. Bis zur Himmelfahrt. Vollmann hat die Skurrilität und das Nihilistisch-Absurde eines Karl Ferdinand Kratzl, die bissige Intensität eines Sigi Zimmerschied. Als sich selbst am Klavier begleitender Liederinterpret erinnert er an Lore Krainer und Gerhard Bronner, der ihn einst zum Radio-Dauerbrenner "Guglhupf" holte. Als Schauspieler, Autor und Musiker. "Kasperl.Herz" ist mehr als Wuchteldrucken.
Man muss es erlebt haben: Wie er alles von Aggressivität bis Poesie, vom Fluch bis zum Liebeslied abdeckt. Wie er "Hänschen Klein" in "The Girl from Ipanema" transportiert oder Lachen proviziert mit einer Opernarodie.
(Kurier, 27.8.11)
Kleine Zeitung:
Ausgang aus den Neurosengärten dringend gesucht
Brillanter "Herz.Kasperl" mit Oliver Vollmann
Also, wenn das so ist, dann kann er nicht beginnen. Es sitzt da in der Premiere von Oliver Vollmanns Soloprogramm "Kasperl.Herz" ein ungebetener Gast, in des Künstlers Worten, ein ausgewachsenens (aus Gründen des Anstands tippen wir da drei) ..., das sich über die Häuser hauen soll. Um diesen Ungustl den Abgang zu erleichtern, beginnt Vollmann mit einem Lied über unlustige Zeitgenossen.
Jedenfalls hat der Chronist zu überliefern: Niemand verließ die Vorstellung und tat sehr gut daran. Denn in den folgenden zwei Stunden zog da jemand Bilanz, der die These vertritt, dass "wir alle nicht als Menschen geboren werden, sonderen als Kasperl", und jede Menge intelligente, skurille und urkomische Unterhaltung in den Raum warf. Mit mehr als gediegener Begleitmusik am Klavier. Einmal griff der in Klagenfurt lebende Entertainer, Autor und Schauspieler ganz tief in die Tasten einer Zieharmonika.
Vollmann durchschritt in der Erinnerung an ein Kasperlleben so manche Zwangsanstalt und (ungepflegte) Neurosengärten, die Spuren hinterlassen haben. Natürlich hatten auch Anekdoten über Gerhard Bronner Platz, dem Vollmann für seine Karriere einiges verdankt.
(Kleine Zeitung, 27.8.2011)